Finnland: Kirche spielt nach wie vor wichtige Rolle in der Gesellschaft

Der finnische Erzbischof Tapio Luoma. Foto: LWB/S. Gallay

Interview mit Tapio Luoma, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands

HELSINKI, Finnland/GENF (LWI) – Tapio Luoma wurde vor einem Jahr zum Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands (ELKF) gewählt. In einem Interview spricht er über die Arbeit seiner Kirche mit Flüchtlingen und Migranten, wie sie in dem Zusammenhang mit Populismus umgeht, und darüber wie die Kirche in einer sich verändernden Gesellschaft agiert.

Im August hat die ELKF und andere Kirchen eine Erklärung veröffentlicht, in der sie öffentlich über die Rechte von Asylsuchenden sprechen. Können Sie uns etwas über diese Initiative erzählen, wie sie entstanden ist und was Sie sich davon erhoffen?

Leitenden Personen aller Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates Finnlands haben diese Erklärung abgegeben. Man hört von vielen Gemeindemitgliedern unserer Kirche, dass sie sich Sorgen über die Sicherheit und Religionsfreiheit von abgeschobenen Asylsuchenden machen.

Dabei fallen insbesondere zwei Dinge auf: Zum einen werden Asylsuchende, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, in Regionen abgeschoben, die nicht als sicher angesehen werden können. Zu diesen Personen zählen Menschen, die zum Christentum konvertiert sind und denen deshalb nun Verfolgung droht. Zum anderen stellt sich die Frage, ob der Übertritt zum Christentum aus Überzeugung geschehen ist oder ob das mögliche Asylgesuch Motivationsgrund war. Wir haben Sorge, dass die Behörden, die mit dieser Entscheidung betraut sind, nicht über ausreichend religiöses und kulturelles Fachwissen verfügen. Darüber hinaus haben wir den Eindruck, dass den Aussagen der Kirchengemeinde eines Asylbewerbers oder einer Asylbewerberin nicht immer ausreichend Bedeutung und Gewicht beigemessen wird.

Wie geht Ihre Kirche mit dem Thema Migration um?

Unsere Gemeinden reagieren aktiv auf die Bedürfnisse von Migranten und Asylsuchenden und bieten psychosoziale Unterstützung und ganz praktische Hilfestellungen an. Zudem nehmen wir als Kirche aktiv an der öffentlichen Diskussion über Migration und Werte teil. Der Knackpunkt ist die Achtung der Würde und der Menschenrechte eines jeden Menschen. Gleichzeitig pflegen wir einen positiven und offenen Dialog mit den zuständigen Einwanderungsbehörden. Wir unterstützen sie bei ihrer wichtigen Aufgabe, sicherzustellen, dass alle, die unseres Schutzes bedürfen, diesen auch erhalten.

Wie in vielen anderen europäischen Ländern gibt es in Finnland eine starke populistische Bewegung. Wie positionieren Sie sich da als Kirche?

Das ist ein wichtiges Thema, dem wir große Aufmerksamkeit schenken müssen: Wie können wir jene Menschen in unserer Gesellschaft ansprechen, die sich von der – wie sie es nennen – „Elite“ missachtet und im Stich gelassen fühlen? Viele dieser Menschen sind treue Mitglieder unserer Kirchen. Wir sollten ihr Gefühl ernst nehmen, dass sie sich ausgeschlossen fühlen, und unser Engagement für die armen und marginalisierten Mitglieder unserer Gesellschaft fortsetzen, damit sie selbst erleben, dass ihnen und allen in Finnland Geborenen nichts verloren geht oder weggenommen wird, wenn Fremden geholfen wird.

Sie sind jetzt seit einem Jahr Erzbischof. Was für eine Bilanz ziehen Sie?

Die Geschwindigkeit der Veränderungen in unserer Gesellschaft nimmt zu und ich habe das Gefühl, dass traditionelle Institutionen, wie auch unsere Kirche, Schwierigkeiten haben, da mitzuhalten. Oftmals fühle ich mich in meiner Arbeit daher unter Druck, besonders zeitlich. Gleichzeitig freue ich mich sehr, die Möglichkeit zu haben, in meiner Kirche in dieser Funktion Dienst zu tun.

Was sind die größten Gaben Ihrer Kirche?

Ihre Mitglieder. Auch wenn unsere Gemeinden vor wirtschaftlichen Herausforderungen stehen, gibt es viel Potenzial, Menschen zu freiwilligem Engagement zu motivieren. Mit unserem Konfirmationsunterricht erreichen wir mehr als 80 Prozent der 15-Jährigen. Die evangelisch-lutherische Kirche spielt in der finnischen Gesellschaft immer noch eine wichtige Rolle und jüngste Umfragen bestätigen, dass das Vertrauen der Menschen in die Kirche nicht nachgelassen hat.

Aber es sind nicht nur die finnischen Glieder des Leibes Christi, die etwas bewirken. Christinnen und Christen sind eine weltweite Gemeinschaft und jedes einzelne Mitglied dieser Gemeinschaft ist ein unschätzbares Geschenk für uns alle. Deshalb sind auch die ökumenischen Beziehungen so wichtig und wertvoll.

Vor welchen Herausforderungen steht Ihre Kirche?

Die rückläufigen Mitgliederzahlen erfordern eine gründliche Analyse und Innovation. Die Gesellschaft als Ganzes wird individualistischer; langfristiges Engagement geht zurück. Wir müssen uns neue Möglichkeiten überlegen, wie wir die Menschen ansprechen und in ihrem Leben wieder an Bedeutung gewinnen können.

Aufgrund der angespannten Wirtschaftslage müssen die Gemeinden Prioritäten setzen: Was ist für unsere Arbeit von zentraler Bedeutung? Was können wir in Zusammenarbeit mit anderen machen? Gibt es Aspekte oder Elemente unserer Arbeit, die wir getrost anderen überlassen können?

Bei allen diesen Themen und Fragen steht meines Erachtens die Frage im Mittelpunkt, wie wir sicherstellen können, dass der christliche Glaube in unserer heutigen Zeit noch Bedeutung hat, und wie wir in unserem sich schnell wandelnden Kontext Zeugnis ablegen können für den auferstandenen Herrn.

Die finnische Kirche hat die „Forgivemoji-Initiative“ ins Leben gerufen. Wie würde Ihr Emoji aussehen, und wem würden Sie es schicken?

Grafische Gestaltung ist nicht so mein Fachgebiet. Ich warte da lieber, was für Ideen andere Menschen haben. Und ich hoffe, dass sich viele beteiligen werden. Denn ich glaube, die Initiative ist ein guter Impulsgeber, der die Menschen ermutigen kann, sich gegenseitig zu vergeben. Ich freue mich, dass es dafür hoffentlich bald ein neues Emoji geben wird! Und ich werde dann versuchen, es sinnvoll zu nutzen.

 

Stimmen aus der Kirchengemeinschaft:

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine weltweite Gemeinschaft, deren Mitglieder sich gemeinsam für das Werk und die Liebe Christi in der Welt einsetzen. In dieser Reihe präsentieren wir Kirchenleitende und Mitarbeitende, die über aktuelle Themen sprechen und Ideen entwickeln, wie Frieden und Gerechtigkeit in der Welt geschaffen werden und die Kirchen und die Gemeinschaft in ihrem Glauben und ihrem Engagement wachsen können.