Gedanken eines Mennoniten zum ökumenischen Weg

Larry Miller spricht in seiner Funktion als Sekretär Globalen Christlichen Forums bei dessen dritter weltweiter Versammlung in Bogotà, Kolumbien, 2018. Alle Fotos: LWB/A. Hillert

Larry Miller hält Rückschau auf die letzten Jahrzehnte

ATLANTA, USA/GENF (LWI) – Wenn Larry Miller auf seinen beruflichen Werdegang zurückblickt, dessen zentrales Element das Engagement für die Einheit von Christinnen und Christen gewesen ist, spricht er von der gespaltenen Kirche als wahrhaftige „Wunde im Leib Christi“. In der Karwoche sagte der ehemalige Generalsekretär der Mennonitischen Weltkonferenz (MWK): „An Karfreitag denke ich darüber nach, dass wir Christus [mit diesem Gespalten-sein] erneut verwunden, aber ich hoffe, dass wir ihm auch die österliche Freude bereiten können, indem wir neues Leben finden in der Einheit der Kirche“.

Miller wuchs in einer mennonitischen Gemeinde in Indiana im Mittleren Westen der USA auf und hatte bis zu seinem Studium Ende der 1960er Jahre wenig Kontakt zu Christinnen und Christen anderer Kirchen. An der Universität traf er nicht nur seine spätere Frau Eleanor, sondern nahm zusammen mit vielen katholischen, protestantischen und anderen Christinnen und Christen, die sich in der Bewegung für Frieden und Gerechtigkeit engagierten, an Anti-Kriegs- und Anti-Rassismus-Kundgebungen teil.

Die neuen Freundschaften haben ihn schließlich dazu animiert, ein Angebot seiner Kirche anzunehmen, in Europa Theologie zu studieren und seiner Kirche in London, Paris und Straßburg zu dienen. Alle gesammelten Erfahrungen, sagt er, „haben uns unsere Vision von der Kirche immer wieder hinterfragen lassen und diese immer wieder erweitert“. Für die mennonitische Kirche habe das bedeutet, das zentrale täuferische „Verständnis ihrer Identität“ hinter sich zu lassen, das stark von der Verfolgung durch katholische und protestantische Kirchen in Europa im 16. Jahrhundert geprägt ist.

Öffentliche Bitte um Entschuldigung und Vergebung

Die in den Ortsgemeinden gesammelten Erfahrungen kamen ihm im Verlauf zugute, als er 1990, in einer Zeit, in der sich die Strukturen des weltweiten Christentums tiefgreifend veränderten, die Leitung der Mennonitischen Weltkonferenz übernehmen sollte. Nicht nur der Fall der Berliner Mauer bot neue ökumenische Chancen in der Nordhalbkugel, sondern auch das rasante Wachstum der evangelikalen, unabhängigen und Pfingstkirchen im globalen Süden bedeutete einen neuerlichen Fokus auf Mission und Evangelisation in diesen „vom Heiligen Geist geleiteten“ Kirchen.

Als Leiter der MWK, erzählt Miller, sei eine der größten Herausforderungen gewesen, die mennonitischen Kirchen in aller Welt davon zu überzeugen, „mit den anderen weltweiten christlichen Gemeinschaften ins Gespräch zu kommen“. Das Misstrauen gegenüber der katholischen Kirche habe tief gesessen, erinnert er sich, und auch „ökumenischen Gespräche ganz allgemein stand man eher argwöhnisch gegenüber“. Die mennonitischen Gläubigen hätten eine größere „Nähe zu Lutheranerinnen und Lutheranern, zu Luther und zu einigen seiner Ansichten“ verspürt, berichtet Miller weiter, gleichzeitig aber herrschte das Gefühl, dass eine Auseinandersetzung mit den lutherischen Gläubigen „vermutlich lohnend sein könnte, insbesondere weil Lutheranerinnen und Lutheraner von uns etwas würden lernen können“.

Zwanzig Jahre später stand Miller bereit, um seine Kirche in dem zutiefst bewegenden Moment der öffentlichen Vergebung und Versöhnung im Rahmen der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Stuttgart 2010 zu leiten. Es ist schwer zu beurteilen, „in welchem Ausmaß auf lokaler und nationaler Ebene auf diese Interaktion zwischen LWB und MWK auf internationaler Ebene aufgebaut werden konnte“, sagt Miller. Aber er sei überzeugt, dass das Zusammenwirken und die Bitte des LWB um Vergebung eine psychologische Wirkung auf das Gefühl der Mennonitinnen und Mennoniten hatte, Opfer der Geschichte zu sein. „Es ist schwerer, sich selbst als Opfer zu sehen, wenn der Täter aus eigenen Stücken zu dir kommt und dich um Vergebung bittet“, führt er aus.

Vertrauen schaffen für ein aktives Engagement

Nach zwanzig Jahren am Ruder der MWK war Miller dann von 2012 bis 2018 Sekretär des Globalen Christlichen Forums und spielte als solcher eine zentrale Rolle dabei, die Grundlage für ökumenisches Engagement auch unter jenen Kirchenleitenden auszubauen, „die normalerweise nicht an einem Tisch sitzen und sich gegenseitig nicht besonders gut kennen“. Das Forum sei Anfang des Jahrtausends gegründet worden und ein Aspekt seines Auftrags sei es, so Miller, „ein geschützter Raum zu sein, um [unter diesen Kirchenleitenden] Vertrauen zu schaffen“; ein zweiter Aspekt des Auftrags sei, „zusammen auf gemeinsame Herausforderungen zu reagieren“.

Eine der gemeinsamen Herausforderungen, die schon gleich in den Anfangszeiten des Forums als eine solche benannt wurde, war und ist das Problem des Proselytismus oder des „Schäfchenstehlens“, erklärt Miller, denn im Erleben der älteren Kirchen hätten sich viele Christinnen und Christen von ihnen ab- und den jüngeren, „vom Heiligen Geist geleiteten“ Kirchen zugewandt, während diese neueren Kirchen „das Gefühl hatten, nur das zu tun, wozu Gott sie berufen hatte“. Die Gespräche zu diesem Thema seien noch nicht weit genug fortgeschritten, findet Miller und fügt hinzu, dass er hoffe, dass das Forum „das geschaffene Vertrauen nutzen kann, um die Gespräche zu solchen schwierigen Themen weiterzuführen und wirklich voranzutreiben“.

Wieder im Hinblick auf den traditionellen Dialog mit den historisch etablierten Kirchen spricht Miller darüber, wie wichtig der 2020 veröffentlichte Bericht der lutherisch/mennonitisch/römisch-katholischen trilateralen Dialogkommission zum Thema Taufe sei, da das Thema Taufe zuvor eines jener Themen gewesen war, die zentrale Gründe für die Spaltungen zwischen den drei christlichen Glaubensgemeinschaften waren oder sind. Auch wenn es früher schon Beispiele für ähnliche Konstellationen gegeben habe, so Miller, fühlte sich die Idee eines trilateralen Dialogs „damals einzigartig an und hat sehr gut funktioniert“. Weiter führt er aus, dass die Interaktion zwischen den Beteiligten „eine Art Mosaik geschaffen hat, das einen Reichtum und eine Fülle aufzeigte, die es im Gespräch unter nur zwei sich gegenüberstehenden Partnern nicht gibt“.

Gaben annehmen, Grenzen erkennen

Mit Blick auf die Nacharbeit und Weiterverfolgung des Berichts und seiner Inhalte sagt Miller, dass die MWK „anders als bei früheren Dialogberichten beschlossen hat, einen Studienleitfaden zu diesem Bericht zu erarbeiten“, der in den kommenden Monaten veröffentlicht und an die Mitgliedskirchen verteilt werden solle. Das Ziel dabei sei, dass die Ergebnisse und Auswirkungen des Berichts im Vorfeld der nächsten Vollversammlung der MWK, die im Juli 2022 in Indonesien stattfinden soll, „in den kommenden 18 Monaten so breit wie möglich diskutiert werden sollen“.

Auch der Assistierende Generalsekretär für Ökumenische Beziehungen des LWB, Dirk Lange, der für die Publikation des Berichts der trilateralen Dialogkommission eng mit Miller zusammengearbeitet hat, freut sich über die Begeisterung und die Impulse, die der Bericht in Bezug auf das bessere gegenseitige Verständnis rund um das Sakrament der Taufe und seiner Auswirkungen für die Nachfolge hervorgerufen hat. „Der Bericht der trilateralen Dialogkommission fordert eine breite Rezeption und Umsetzung“, so Lange.

Miller ist zwischenzeitlich in den Ruhestand getreten und wieder in die USA zurückgekehrt. Er will sich nun mehr Zeit für seine Familie nehmen und „die Welt außerhalb der Kirche erkunden, über die im Epheserbrief (1,8-10) als eine kosmische Einheit geschrieben wird, die so viel größer ist als die Einheit der Kirche“. Mit Blick auf die Zukunft der ökumenischen Reise sehnt er sich nach einer „radikalen Katholizität“, die alle christlichen Glaubensgemeinschaften umfasst und das Modell einer „offenen und empfänglichen Ökumene“ praktiziert, in der wir „die Gaben annehmen können, [die andere Kirchen] uns anbieten“.

„Wenn wir unsere eigenen Grenzen erkennen und würdigen können, dass alle diese Kirchen vielfältige Gaben anzubieten haben“, so Miller, kann es möglich sein, die derzeitige Unterteilung in einen klassischen Dialog mit einem Schwerpunkt auf den Lehrfragen und einen eher vom Heiligen Geist geleiteten „auf dem Erleben beruhenden Ansatz“ zu überwinden. Sowohl die Lehrfragen als auch das praktische Erleben seien „wichtig, aber allein nicht ausreichend“, sagt er abschließend und stellt die Frage in den Raum, „ob und wann es uns wohl gelingen wird, eine Ausgewogenheit und ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Quellen für Offenbarung herzustellen, um zu erreichen, dass unser Verständnis, unsere Erfahrungen und unsere Überzeugungen umfassend und vollständig sind“.

Von LWB/P. Hitchen. Deutsche Übersetzung: Andrea Hellfritz, Redaktion: LWB/A. Weyermüller